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Auftreten und Aura

Körpersprache bei der Präsentation: Stand, Hände, Blick und was davon wirklich zählt

9 Minuten Lesezeit · Stand 14. Oktober 2026 · Redaktion Redestark

Du stehst vorne, die erste Folie ist an, und plötzlich weißt du nicht mehr, was deine Hände normalerweise machen. Die rechte greift nach dem Stift, die linke wandert in die Hosentasche, und dein Blick hängt an der Leinwand hinter dir.

Die kurze Antwort auf die Frage nach der richtigen Körpersprache: Steh fest auf beiden Füßen, ungefähr hüftbreit. Lass die Hände sichtbar und lass sie mitreden, wenn du etwas zeigst oder aufzählst. Schau pro Gedanken eine Person an. Beweg dich nur, wenn es einen Grund gibt. Und vor allem: Fummel nicht an Stift, Ring oder Ärmel herum.

Und: Die Körpersprache ist nicht für 93 Prozent deiner Wirkung verantwortlich, wie es oft heißt. Was du sagst, zählt. Unten steht, woher die Zahl stammt, was die Forschung zu Haltung, Händen und Blick tatsächlich zeigt und wie du das in zwei Übungen trainierst.

Der 93-Prozent-Mythos

Kaum ein Seminar zur Körpersprache kommt ohne diese Formel aus: 55 Prozent der Wirkung kommen aus dem Körper, 38 Prozent aus der Stimme und nur 7 Prozent aus den Worten. Die Zahlen gehen auf den Psychologen Albert Mehrabian zurück, aber nicht so, wie sie meist erzählt werden.

Mehrabian und Kollegen führten 1967 zwei Laborstudien durch. Versuchspersonen hörten einzelne englische Wörter, etwa „honey“ oder „maybe“, in einem Tonfall, der dazu passte oder nicht, und sahen teils Fotos von Gesichtern. Sie sollten einschätzen, wie sehr der Sprecher sie mag. Wenn Wort und Ton sich widersprachen, folgten sie eher dem Ton. Mehr haben die Studien nicht untersucht: einzelne Wörter, ein Gefühl, ein Widerspruch.

Mehrabian selbst schreibt auf seiner Website, dass diese Gleichungen nicht gelten, wenn jemand nicht über seine Gefühle oder Einstellungen spricht. Dein Vortrag über Quartalszahlen, die Ergebnisse deiner Bachelorarbeit oder den neuen Dienstplan fällt nicht darunter.

Was von Mehrabian bleibt, ist trotzdem nützlich: Wenn du sagst „Ich freue mich, heute hier zu sein“ und dabei auf den Boden schaust, glaubt man dir den Satz eher nicht. Körper und Worte sollten in dieselbe Richtung zeigen.

Was dein Publikum sieht, bevor du sprichst

Dein Auftritt beginnt, bevor du das erste Wort sagst. Nalini Ambady und Robert Rosenthal zeigten Studentinnen stumme Videoausschnitte von 13 Lehrenden, pro Person insgesamt 30 Sekunden. Die Studentinnen hatten die Lehrenden nie gesehen. Trotzdem hingen ihre Urteile eng mit den Bewertungen zusammen, die echte Studierende denselben Lehrenden nach einem ganzen Semester gaben. Auch auf wenige Sekunden gekürzte Clips sagten das noch deutlich vorher.

Ein Detail aus der Auswertung ist besonders brauchbar: Wer mehr mit den Händen oder einem Gegenstand herumfummelte, bekam am Ende schlechtere Bewertungen. Die Grenze: Es waren nur 13 Lehrende, und ein Zusammenhang ist kein Beweis, dass das Fummeln selbst die Ursache war. Die Richtung passt aber zu dem, was jeder kennt: Ein Stift, der zwischen den Fingern kreist, zieht die Blicke auf sich.

Der Stand: fest, aber nicht steif

Für den Stand gibt es eine einfache Regel: Beide Füße auf dem Boden, ungefähr hüftbreit, das Gewicht gleich verteilt. Kein Standbein, kein Wippen, keine gekreuzten Beine. So stehst du stabil, ohne dass es nach Pose aussieht.

Und was ist mit dem Power Posing, den zwei Minuten in Siegerhaltung vor dem Auftritt? Die ursprüngliche Studie berichtete auch von Hormoneffekten. Eine Wiederholung von Ranehill und Kollegen mit 200 Personen fand weder Hormon- noch Verhaltenseffekte, nur ein etwas stärkeres Machtgefühl. Eine Metaanalyse von Elkjær und Kollegen über 73 Studien ergab später ein klares Muster: Eine eingesunkene, enge Haltung schadet im Vergleich zu einer neutralen. Ausladende Posen bringen gegenüber neutral dagegen fast nichts. Du musst also nicht posieren, es reicht, nicht in dich zusammenzusacken. Mehr dazu steht im Ratgeber Ausstrahlung verbessern.

Zwei typische Haltungsfehler bei Präsentationen haben mit dem Pult zu tun. Der erste: sich mit beiden Händen festhalten. Das wirkt, als bräuchtest du Halt. Der zweite: sich dahinter verstecken, sodass nur Kopf und Schultern zu sehen sind. Wenn du die Wahl hast, stell dich neben das Pult und leg die Stichwortkarte darauf.

Vorher

Gewicht auf dem linken Bein, die rechte Hüfte rausgeschoben, eine Hand am Pult, die andere in der Hosentasche.

Nachher

Beide Füße hüftbreit, Gewicht in der Mitte, Hände locker vor dem Bauch, die Karte liegt auf dem Pult.

Hände: sichtbar und mitredend

Die häufigste Frage zur Körpersprache im Vortrag lautet: Wohin mit den Händen? Die Antwort: dorthin, wo man sie sieht, und dann mitreden lassen.

Gesten helfen deinem Publikum. Eine Metaanalyse von Hostetter über 63 Stichproben zeigt, dass Zuhörer Botschaften mit Gesten besser verstehen als ohne, am meisten dann, wenn die Gesten etwas zeigen oder ergänzen, statt das Gesagte nur zu verdoppeln. Wie das im Vortrag aussieht, steht im Ratgeber besser präsentieren.

Gesten helfen aber auch dir selbst. Goldin-Meadow und Kollegen ließen Erwachsene und Kinder erklären, wie sie eine Matheaufgabe gelöst hatten, und sich nebenbei eine Liste von Buchstaben oder Wörtern merken. Wenn sie beim Erklären gestikulierten, behielten sie deutlich mehr. Die Forscher schließen daraus, dass Gestikulieren das Arbeitsgedächtnis entlastet. Getestet wurde das Erklären einer Rechenaufgabe, kein Vortrag vor Publikum. Die Richtung ist aber klar: Wer seine Hände festhält, nimmt sich eine Hilfe weg.

Vier Regeln reichen:

  • Grundposition: Hände locker vor dem Bauch, etwa auf Höhe des Bauchnabels, leicht zusammen oder eine Hand in der anderen. Von dort aus kommen Gesten fast von selbst.
  • Zahlen und Aufzählungen: Zeig sie mit den Fingern. „Drei Gründe“ mit drei Fingern ist für das Publikum ein Anker.
  • Größen und Richtungen: „Die Kosten sind so gestiegen“ mit einer Hand, die nach oben geht.
  • Nicht in die Taschen, nicht hinter den Rücken, nicht verschränkt. Nicht weil es verboten ist, sondern weil die Hände dann nicht mehr mitreden können.
Vorher

Hände hinter dem Rücken: „Wir haben drei Standorte verglichen, und der in Leipzig war mit Abstand der günstigste.“

Nachher

Drei Finger hoch, dann eine Hand deutlich nach unten: „Drei Standorte. (Pause) Leipzig war mit Abstand der günstigste.“

Und was tun, wenn die Hände zittern? Leg sie in der Grundposition leicht ineinander oder halt eine feste Karte, keinen dünnen Zettel. Von deiner Nervosität sieht das Publikum außerdem viel weniger, als du fühlst. Warum, erklärt der Ratgeber Lampenfieber überwinden.

Blick: ein Gedanke, eine Person

Viele Tipps raten zu möglichst viel Blickkontakt. Ganz so einfach ist es nicht. Chen und Kollegen fanden in zwei Laborstudien, dass Zuhörer, die anderer Meinung waren, bei direktem Blickkontakt sogar weniger offen für das Argument waren. Getestet wurde mit Videos, nicht mit Vorträgen vor einer Gruppe. Starres Anstarren ist also kein Rezept.

Was gut funktioniert, ist eine einfache Faustregel aus der Rhetorikpraxis: Ein Gedanke, eine Person. Du sprichst einen Satz oder einen kurzen Gedanken zu einem Menschen im Publikum, dann wechselst du zum nächsten, in einem anderen Teil des Raums. So bekommt jeder mal einen Blick, und du sprichst zu Menschen statt in den Raum. Eine Studie, die eine bestimmte Sekundenzahl belegt, gibt es dafür nicht.

Der häufigste Blickfehler bei Präsentationen ist ein anderer: zur Leinwand sprechen. Dein Publikum sieht dann deinen Hinterkopf, und dein Gesicht fehlt als Verständnishilfe. Sumby und Pollack zeigten schon 1954, dass Sprache im Rauschen deutlich besser verstanden wird, wenn die Zuhörer Gesicht und Lippen sehen. Je lauter es ist, desto mehr hilft das. In einem großen Raum mit Lüftung, Stühlerücken und Husten ist das keine Kleinigkeit.

Die Lösung ist eine Reihenfolge: Erst zur Folie schauen, dann zum Publikum drehen, dann sprechen. Wenn du auf etwas zeigen musst, zeig, dreh dich zurück und sprich erst dann weiter.

Dasselbe gilt für deine Stichwortkarte. Schau hinunter, lies das Stichwort, schau wieder hoch, und erst dann kommt der nächste Satz. Die zwei Sekunden Stille dazwischen wirken auf dein Publikum wie eine bewusste Pause, nicht wie Ablesen.

Bewegung im Raum: nur mit Grund

Bewegung kann einen Vortrag lebendig machen oder unruhig. Der Unterschied liegt darin, ob sie einen Grund hat. Wer ständig hin und her geht, wirkt nervös. Wer nur dann den Platz wechselt, wenn ein neuer Punkt beginnt, gibt seinem Publikum eine Gliederung, die es sehen kann.

Gehen und Sprechen zu trennen, hat einen zweiten Vorteil: Die zwei, drei Schritte sind eine natürliche Pause. Wie du solche Pausen gezielt einsetzt, steht im Ratgeber Pausen beim Sprechen.

Wenn du im Videocall präsentierst, gilt das Prinzip im Kleinen: Kamera auf Augenhöhe, Hände so weit vom Körper, dass sie im Bild sind, wenn du gestikulierst. Für den Körper ist das stumme Handyvideo das beste Prüfwerkzeug. Für die Stimme brauchst du den Ton: In Redestark sprichst du kurze Passagen ein und siehst danach Tempo, Pausen und Füllwörter.

Häufige Fragen

Wohin mit den Händen bei einer Präsentation?

Locker vor dem Bauch, sichtbar für das Publikum. Von dort aus kannst du gestikulieren, wenn du etwas zeigst, aufzählst oder vergleichst. Vermeide Hosentaschen, verschränkte Arme und Gegenstände, an denen du herumspielen kannst.

Ist Körpersprache wichtiger als der Inhalt?

Nein. Die bekannte Regel, nach der nur 7 Prozent der Wirkung aus den Worten kommen, stammt aus zwei Laborstudien mit einzelnen Wörtern über Mögen und Nichtmögen. Der Autor selbst schreibt, dass sie nicht gilt, wenn nicht über Gefühle gesprochen wird. Körpersprache entscheidet mit, wie gern man dir zuhört, nicht ob dein Inhalt stimmt.

Funktioniert Power Posing vor einer Präsentation?

Kaum. In einer großen Wiederholungsstudie fanden sich keine Hormon- oder Verhaltenseffekte, eine Metaanalyse fand gegenüber neutraler Haltung fast keinen Vorteil. Nachweislich ungünstig ist eine eingesunkene Haltung. Aufrecht und locker stehen reicht.

Wie viel Blickkontakt ist bei einem Vortrag richtig?

Eine belegte Sekundenzahl gibt es nicht. Bewährt hat sich die Faustregel „ein Gedanke, eine Person“: einen Satz zu einem Menschen sprechen, dann zum nächsten wechseln. Sprich nicht zur Leinwand, dein Publikum versteht dich besser, wenn es dein Gesicht sieht.

Darf ich mich bei der Präsentation bewegen?

Ja, wenn die Bewegung einen Grund hat. Wechsle den Platz beim Übergang zu einem neuen Punkt und bleib stehen, während du sprichst. Ständiges Hin- und Herlaufen wirkt dagegen unruhig.

Quellen

  1. Mehrabian, A., & Wiener, M. (1967). Decoding of inconsistent communications. Journal of Personality and Social Psychology, 6(1), 109 bis 114. https://doi.org/10.1037/h0024532
  2. Mehrabian, A., & Ferris, S. R. (1967). Inference of attitudes from nonverbal communication in two channels. Journal of Consulting Psychology, 31(3), 248 bis 252. https://doi.org/10.1037/h0024648
  3. Mehrabian, A. Silent Messages, Hinweis zur Anwendbarkeit der Formel. http://www.kaaj.com/psych/smorder.html
  4. Ambady, N., & Rosenthal, R. (1993). Half a minute: Predicting teacher evaluations from thin slices of nonverbal behavior and physical attractiveness. Journal of Personality and Social Psychology, 64(3), 431 bis 441. https://doi.org/10.1037/0022-3514.64.3.431
  5. Ranehill, E., Dreber, A., Johannesson, M., Leiberg, S., Sul, S., & Weber, R. A. (2015). Assessing the robustness of power posing. Psychological Science, 26(5), 653 bis 656. https://doi.org/10.1177/0956797614553946
  6. Elkjær, E., Mikkelsen, M. B., Michalak, J., Mennin, D. S., & O'Toole, M. S. (2022). Expansive and contractive postures and movement: A systematic review and meta-analysis of the effect of motor displays on affective and behavioral responses. Perspectives on Psychological Science, 17(1), 276 bis 304. https://doi.org/10.1177/1745691620919358
  7. Hostetter, A. B. (2011). When do gestures communicate? A meta-analysis. Psychological Bulletin, 137(2), 297 bis 315. https://doi.org/10.1037/a0022128
  8. Goldin-Meadow, S., Nusbaum, H., Kelly, S. D., & Wagner, S. (2001). Explaining math: Gesturing lightens the load. Psychological Science, 12(6), 516 bis 522. https://doi.org/10.1111/1467-9280.00395
  9. Chen, F. S., Minson, J. A., Schöne, M., & Heinrichs, M. (2013). In the eye of the beholder: Eye contact increases resistance to persuasion. Psychological Science, 24(11), 2254 bis 2261. https://doi.org/10.1177/0956797613491968
  10. Sumby, W. H., & Pollack, I. (1954). Visual contribution to speech intelligibility in noise. The Journal of the Acoustical Society of America, 26(2), 212 bis 215. https://doi.org/10.1121/1.1907309

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