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Psychologie der Wirkung

Gehaltsverhandlung führen: Wie du deine Zahl sagst und dabei bleibst

9 Minuten Lesezeit · Stand 14. Oktober 2026 · Redaktion Redestark

Lena sitzt im Jahresgespräch. Ihre Chefin ist zufrieden, das Projekt lief gut, jetzt wäre der Moment. Lena sagt: „Ich wollte mal fragen, ob, also, ob da vielleicht so was wie eine Erhöhung drin wäre?“ Die Chefin lächelt und sagt: „Lass uns das im Frühjahr anschauen.“ Das Gespräch ist vorbei, bevor es angefangen hat.

An Lenas Argumenten lag es nicht. Es lag an dem einen Satz. Er hatte keine Zahl, keinen Grund und endete mit einer Frage, die leicht zu vertagen war.

Eine Gehaltsverhandlung führst du in vier Schritten: Du kündigst das Thema vorher an, nennst als Erste oder Erster eine konkrete, begründete Zahl, hältst danach die Stille aus und antwortest auf Einwände mit Fragen statt mit Rückzug. Unten steht zu jedem Schritt, was die Verhandlungsforschung dazu weiß, wo ihre Grenzen liegen und wie du die Sätze vorher laut übst.

Gehaltserhöhung ansprechen: der Termin

Die meisten Verhandlungen gehen schief, weil sie nebenbei passieren: im Flur, am Ende eines anderen Termins, zwischen Tür und Angel. Wer so fragt, bekommt eine Antwort zwischen Tür und Angel.

Bitte deshalb um einen eigenen Termin und sag offen, worum es geht. Das wirkt nicht fordernd, sondern professionell. Deine Chefin kann sich vorbereiten, Zahlen anschauen und vielleicht schon mit der Personalabteilung sprechen. Ein Gespräch, auf das beide vorbereitet sind, endet seltener mit „Lass uns das später anschauen“.

Vorher

„Hast du kurz Zeit? Ich wollte nur mal so fragen, wegen Gehalt und so.“

Nachher

„Ich würde gern in den nächsten zwei Wochen mit dir über mein Gehalt sprechen. Passt dir Donnerstag, eine halbe Stunde?“

Ein guter Zeitpunkt ist kurz nach einem sichtbaren Erfolg oder vor der jährlichen Budgetplanung, nicht in der Woche, in der dein Team ein Projekt verloren hat. Den genauen Ablauf in deiner Firma kennt die Personalabteilung oft besser als jeder Ratgeber. Frag dort ruhig nach, wann über Gehälter entschieden wird.

Wer zuerst die Zahl nennt

Viele warten im Gespräch darauf, dass die Gegenseite eine Zahl nennt. Die Sorge: zu hoch greifen und sich blamieren, zu niedrig greifen und Geld verschenken. Die Forschung spricht eher dafür, selbst anzufangen.

Der Grund heißt Ankereffekt. Amos Tversky und Daniel Kahneman beschrieben 1974, dass die erste Zahl, die im Raum steht, alle folgenden Schätzungen beeinflusst, sogar wenn sie erkennbar zufällig ist. Der Befund gehört zu den am besten bestätigten der Urteilsforschung. Adam Galinsky und Thomas Mussweiler übertrugen ihn 2001 auf Verhandlungen. In drei Experimenten, im direkten Gespräch und per Mail, erzielte die Partei, die das erste Angebot machte, im Schnitt das bessere Ergebnis, egal ob Käufer oder Verkäufer. Das erste Angebot sagte den Endpreis stark vorher.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens waren das Laborverhandlungen mit vorgegebenen Rollen, keine echten Gehaltsgespräche. Zweitens wirkt ein Anker nur, wenn er begründbar ist. Wer ohne jeden Grund eine Fantasiezahl nennt, verliert Glaubwürdigkeit. Und wer den eigenen Marktwert nicht kennt, kann mit der ersten Zahl auch zu tief ansetzen. Erst recherchieren, dann ankern.

Krumme Zahl statt runder

Eine runde Zahl klingt nach Schätzung, und Schätzungen werden gedrückt. Chris Janiszewski und Dan Uy zeigten 2008 in fünf Studien, dass Menschen von präzisen Ausgangszahlen weniger weit abrücken als von runden. Malia Mason und Kollegen übertrugen das 2013 auf Verhandlungen: Nach präzisen Eröffnungsangeboten fielen die Gegenangebote versöhnlicher aus, auch weil die Gegenseite hinter der genauen Zahl mehr Sachkenntnis vermutete.

Der Effekt trägt nur, wenn hinter der Zahl wirklich eine Rechnung steht. Wenn deine Chefin fragt „Wie kommst du genau darauf?“, brauchst du eine Antwort in einem Satz. Cent-Beträge wirken bei Gehältern seltsam, Fünfziger oder Hunderter passen.

Eine Spanne, aber richtig

Manche nennen lieber eine Spanne. Daniel Ames und Malia Mason haben 2015 in fünf Studien untersucht, ob das hilft. Ihr Ergebnis: Bestimmte Spannen brachten bessere Abschlüsse, ohne die Beziehung zu belasten. Gut funktionierte eine Spanne, deren unteres Ende schon das eigentliche Ziel war. Wer dagegen „zwischen 3.400 und 4.000“ sagt und 3.700 meint, hat 3.400 angeboten. Zu breite oder zu extreme Spannen schwächten den Effekt ab. Die Befunde stammen aus einer Forschungsgruppe, teils aus vorgegebenen Szenarien, und sind weniger breit abgesichert als der Ankereffekt selbst.

Vorher

„Ich dachte so an 4.000, aber da können wir auch noch reden.“

Nachher

„Ich liege bei 3.850 brutto im Monat. Das ist der Mittelwert für meine Rolle in unserer Region, und ich habe seit März die Kundenbetreuung für Nord mit übernommen.“

Die Zahlen hier sind ein Beispiel. Deine Zahl kommt aus deiner Recherche: Tarifvertrag, falls es einen gibt, Gehaltsvergleiche für deine Rolle und Region, Gespräche mit Leuten aus der Branche. In Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten kannst du außerdem nach dem Entgelttransparenzgesetz Auskunft verlangen, was Beschäftigte des anderen Geschlechts in vergleichbarer Tätigkeit im Median verdienen. Das ist der Stand im Oktober 2026, eine Neufassung nach EU-Vorgaben ist angekündigt.

Wie du die Zahl aussprichst

Die beste Recherche nützt wenig, wenn der Satz am Ende nach oben geht. „3.850?“ mit steigender Stimme klingt wie eine Bitte um Erlaubnis. Dieselbe Zahl mit fallendem Satzende klingt wie eine Feststellung.

Dazu kommen die Weichmacher: „so ungefähr“, „eigentlich“, „ich dachte vielleicht“. Jedes dieser Wörter sagt deiner Chefin, dass die Zahl verhandelbar ist, bevor sie überhaupt etwas erwidert hat. Wie du diese Wörter loswirst, steht im Ratgeber Füllwörter abgewöhnen.

Für solche kurzen Aufnahmen ist Redestark gebaut: Du sprichst deinen Satz ein und siehst danach Tempo, Pausen und Füllwörter.

Nach der Zahl: die Stille aushalten

Der schwierigste Moment kommt nach deinem Satz. Deine Chefin sagt nichts, schaut auf ihre Notizen, und die Stille dehnt sich. Genau hier geben viele nach: „Also, es muss auch nicht sofort sein“ oder „Wir können auch über weniger reden“. Damit verhandelst du gegen dich selbst, ohne dass die andere Seite ein Wort gesagt hat.

Stille ist in einer Verhandlung nicht automatisch ein schlechtes Zeichen. Jared Curhan und Kollegen haben 2022 Pausen von mindestens drei Sekunden in Verhandlungen untersucht. Längere Stille hing mit mehr gemeinsamen Lösungen zusammen, und wer angewiesen wurde, Pausen zu machen, fand häufiger Einigungen, von denen beide Seiten etwas hatten. Ehrlich dazugesagt: Mehr für sich selbst herausgeholt haben die Schweigenden nicht. Und in einer der Studien half die Stille bei deutlichen Statusunterschieden nur der ranghöheren Seite. Schweigen ist also kein Druckmittel gegen deine Chefin. Es verhindert nur, dass du dein eigenes Angebot zurücknimmst, und gibt beiden Zeit zum Nachdenken.

Wie du solche Pausen übst, bis sie sich normal anfühlen, steht im Ratgeber Pausen beim Sprechen.

Einwände beantworten, ohne einzuknicken

Fast jede Gehaltsverhandlung trifft auf einen von drei Sätzen: „Dafür ist gerade kein Budget da.“ „Das geht nur im Rahmen der jährlichen Runde.“ „Die anderen im Team verdienen auch nicht mehr.“ Wer darauf sofort mit „Okay, verstehe“ antwortet, beendet das Gespräch. Wer mit Gegenargumenten loslegt, macht daraus einen Streit.

Besser funktioniert eine Frage, die das Problem in ein gemeinsames verwandelt. In der Verhandlungspraxis heißen solche offenen Fragen mit „Wie“ oder „Was“ kalibrierte Fragen. Sie sind vor allem Erfahrungswissen, nicht im Labor getestet. Gut belegt ist dagegen der Gedanke dahinter: Adam Galinsky und Kollegen fanden 2008 in drei Studien, dass Verhandler, die sich gedanklich in die Lage der anderen Seite versetzten, häufiger versteckte Einigungen fanden und für sich selbst mehr herausholten. Mitfühlen allein half deutlich weniger, manchmal schadete es sogar. Frag dich also vor dem Termin: Was braucht deine Chefin, um Ja sagen zu können? Eine Begründung für die Personalabteilung? Einen Zeitpunkt im Budgetjahr?

Vorher

„Ach so, okay. Dann vielleicht nächstes Jahr.“

Nachher

„Verstehe, das Budget für dieses Jahr steht. Was müsste passieren, damit wir es zum 1. Januar umsetzen können?“

Und beim Vergleich mit dem Team: Bleib bei dir. „Ich kann nur über meine Rolle sprechen. Seit März betreue ich zusätzlich die Kunden in Nord, das sind elf Accounts mehr als vorher.“ Eine konkrete Leistung trägt weiter als jedes Adjektiv über dich selbst.

Wenn dich der Einwand trifft, weil er wie Kritik an deiner Arbeit klingt, hilft der Ratgeber souverän auf Kritik reagieren.

Wenn die Antwort trotzdem Nein ist

Nicht jede Verhandlung endet mit mehr Geld, auch wenn du alles richtig machst. Dann geht es darum, das Nein in eine Vereinbarung zu verwandeln. Frag nach den Kriterien: „Was müsste ich bis zum Herbst zeigen, damit wir dann über die 3.850 sprechen?“ Bitte darum, das schriftlich festzuhalten, etwa im Protokoll des Mitarbeitergesprächs. Und frag nach anderen Hebeln, wenn sie dir wirklich etwas wert sind: eine Weiterbildung, ein Tag mobiles Arbeiten mehr, ein neuer Titel mit mehr Verantwortung.

Ein Nein auf eine gut vorbereitete Bitte ist keine Niederlage. Deine Chefin weiß jetzt, was du willst und warum, und sie weiß, dass du wieder fragen wirst.

Geht es um ein neues Gehalt bei einem Jobwechsel, gelten dieselben Regeln, nur früher im Gespräch. Wie du die Gehaltsvorstellung im Bewerbungsgespräch sicher sagst, steht im Ratgeber Vorstellungsgespräch souverän.

Häufige Fragen

Wie spreche ich eine Gehaltserhöhung am besten an?

Bitte um einen eigenen Termin und nenne das Thema dabei offen: „Ich würde gern mit dir über mein Gehalt sprechen.“ Im Gespräch selbst nennst du früh eine konkrete Zahl mit einem Grund, etwa einer neuen Aufgabe oder einem Vergleichswert. Nicht zwischen Tür und Angel fragen.

Soll ich in der Gehaltsverhandlung zuerst eine Zahl nennen?

Wenn du deinen Marktwert recherchiert hast, ja. In Verhandlungsexperimenten erzielte die Seite, die das erste Angebot machte, im Schnitt das bessere Ergebnis. Ohne Recherche ist das Risiko größer, zu niedrig einzusteigen.

Wie viel Prozent mehr Gehalt kann ich verlangen?

Eine seriöse Pauschalzahl gibt es nicht. Sie hängt von Branche, Tarifbindung, Region und deiner Rolle ab. Rechne von deinem Marktwert aus statt von deinem jetzigen Gehalt, und nenne dann eine genaue, begründete Zahl.

Ist eine krumme Zahl besser als eine runde?

In Studien rückte die Gegenseite von präzisen Angeboten weniger weit ab, weil sie mehr Sachkenntnis dahinter vermutete. Das hilft aber nur, wenn du die Zahl auf Nachfrage in einem Satz begründen kannst.

Was sage ich, wenn mein Chef „kein Budget“ sagt?

Erkenne den Einwand an und frag nach dem Weg: „Was müsste passieren, damit wir es zum 1. Januar umsetzen können?“ Vereinbare einen Termin und Kriterien und lass beides festhalten.

Quellen

  1. Tversky, A., & Kahneman, D. (1974). Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185(4157), 1124 bis 1131. https://doi.org/10.1126/science.185.4157.1124
  2. Galinsky, A. D., & Mussweiler, T. (2001). First offers as anchors: The role of perspective-taking and negotiator focus. Journal of Personality and Social Psychology, 81(4), 657 bis 669. https://doi.org/10.1037/0022-3514.81.4.657
  3. Janiszewski, C., & Uy, D. (2008). Precision of the anchor influences the amount of adjustment. Psychological Science, 19(2), 121 bis 127. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02057.x
  4. Mason, M. F., Lee, A. J., Wiley, E. A., & Ames, D. R. (2013). Precise offers are potent anchors: Conciliatory counteroffers and attributions of knowledge in negotiations. Journal of Experimental Social Psychology, 49(4), 759 bis 763. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2013.02.012
  5. Ames, D. R., & Mason, M. F. (2015). Tandem anchoring: Informational and politeness effects of range offers in social exchange. Journal of Personality and Social Psychology, 108(2), 254 bis 274. https://doi.org/10.1037/pspi0000016
  6. Curhan, J. R., Overbeck, J. R., Cho, Y., Zhang, T., & Yang, Y. (2022). Silence is golden: Extended silence, deliberative mindset, and value creation in negotiation. Journal of Applied Psychology, 107(1), 78 bis 94. https://doi.org/10.1037/apl0000877
  7. Galinsky, A. D., Maddux, W. W., Gilin, D., & White, J. B. (2008). Why it pays to get inside the head of your opponent. Psychological Science, 19(4), 378 bis 384. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02096.x
  8. Gesetz zur Förderung der Entgelttransparenz zwischen Frauen und Männern (EntgTranspG), § 12. https://www.gesetze-im-internet.de/entgtranspg/__12.html

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