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Füllwörter abgewöhnen: So wirst du „äh“ und „halt“ los

9 Minuten Lesezeit · Stand 14. Oktober 2026 · Redaktion Redestark

Du hörst dir deine Sprachnachricht noch mal an und zählst mit: „Also, äh, ich wollte halt nur kurz sagen, dass das eigentlich, ähm, ganz gut läuft.“ Fünf Füllwörter in einem Satz, und der eigentliche Inhalt passt in vier Wörter: „Das läuft ganz gut.“ Im Meeting oder im Bewerbungsgespräch passiert dasselbe, nur dass dort jemand zuhört, der über dich urteilt.

Füllwörter sind keine Charakterschwäche, sondern eine Gewohnheit mit klarer Ursache. Wer die Ursache kennt, kann gezielt üben. Unten trennen wir zwei Sorten von Füllwörtern, schauen uns an, was die Forschung dazu gefunden hat, und enden mit einem Wochenplan, mit dem du sie messbar seltener machst.

Das Ziel ist dabei nicht null. Ein einzelnes „äh“ stört niemanden. Ziel ist, dass deine Füllwörter nicht mehr die Stellen besetzen, an denen dein wichtigster Satz stehen sollte.

Warum sagen wir überhaupt „äh“ und „ähm“?

Lange galten „äh“ und „ähm“ als Abfall der Sprache, ein Geräusch wie Husten. Die Psycholinguisten Herbert Clark und Jean Fox Tree haben das anders gesehen. Sie werteten große Sammlungen aufgezeichneter Alltagsgespräche aus und kamen 2002 zu dem Schluss: Die englischen Gegenstücke „uh“ und „um“ funktionieren wie Wörter. „Uh“ stand eher vor kurzen Verzögerungen, „um“ eher vor längeren. Der Laut kündigt also an: Moment, ich suche noch.

Das ist im lockeren Gespräch sogar nützlich. Ein „ähm“ hält deinen Platz im Gespräch, damit dich niemand unterbricht. Das Problem beginnt dort, wo du kompetent wirken willst. Denn derselbe Laut verrät auch, dass du gerade suchst.

Ein zweiter Befund erklärt, wann Füllwörter zunehmen. Heather Bortfeld und Kollegen werteten 2001 Gespräche aus, in denen Paare gemeinsam Aufgaben lösten. Füllwörter und Abbrüche wurden häufiger, wenn die Aufgabe schwieriger war, etwa bei abstrakten Figuren statt bei Bildern. Füllwörter steigen also mit der Planungslast. Das ist der wichtigste Hebel in diesem Artikel: Je klarer du weißt, was du sagen willst, desto weniger musst du suchen.

Was Füllwörter beim Zuhörer auslösen

Zuhörer filtern Füllwörter nicht einfach weg. Susan Brennan und Maurice Williams ließen 1995 Hörer aufgezeichnete Antworten auf Quizfragen beurteilen: Wie sicher ist sich der Sprecher, dass seine Antwort stimmt? Kam die Antwort nach einer Verzögerung, nach einem „um“ (dem englischen „ähm“) oder mit steigender Satzmelodie, trauten die Hörer dem Sprecher weniger Wissen zu. Ein „ähm“ vor einer Aussage ist für den Zuhörer also ein Hinweis darauf, dass du dir nicht ganz sicher bist.

Besonders aufschlussreich ist eine Studie mit deutschsprachigen Sprechern. Oliver Niebuhr und Kerstin Fischer ließen 29 Hörer Ausschnitte aus Business-Präsentationen von 68 Managern bewerten. Je kürzer die „ähs“ eines Sprechers waren, desto seltener glaubten die Hörer, Füllwörter gehört zu haben, und desto besser bewerteten sie seinen Vortrag. Das ist ein Zusammenhang aus echten Präsentationen, kein Experiment mit gezielt veränderten Aufnahmen. Er passt aber zur Alltagserfahrung: Ein langgezogenes „ähhhmmm“ fällt deutlich mehr auf als ein kurzes „äh“.

Ganz schlecht sind Füllwörter trotzdem nicht. Jean Fox Tree zeigte 2001, dass ein „uh“ Zuhörern half, das folgende Wort schneller zu erkennen. Ein Füllwort lenkt kurz die Aufmerksamkeit. Die stille Pause kann das auch, aber ohne zu verraten, dass du suchst. Warum das so ist, steht ausführlich im Ratgeber Pausen beim Sprechen richtig setzen.

Zwei Sorten Füllwörter: Zögerlaute und Weichmacher

Viele Ratgeber werfen alles in einen Topf. Für das Abgewöhnen lohnt es sich, zwei Gruppen zu trennen, weil sie unterschiedliche Ursachen haben.

  • Zögerlaute: „äh“, „ähm“, „hm“. Sie entstehen, wenn dein Kopf den nächsten Gedanken noch nicht fertig hat. Gegenmittel: stille Pause und bessere Planung.
  • Weichmacher: „halt“, „eigentlich“, „irgendwie“, „ich glaube“, „so ein bisschen“. Sie entstehen nicht aus Denkzeit, sondern aus Vorsicht. Du polsterst deine Aussage, damit sie weniger angreifbar ist. Gegenmittel: streichen und nur dort einschränken, wo du wirklich unsicher bist.

Wie stark Weichmacher wirken, zeigt eine klassische Gerichtsstudie. Ein Forschungsteam um Bonnie Erickson und William O'Barr ließ 1978 dieselbe Zeugenaussage in zwei Fassungen vortragen, einmal mit Absicherungen wie „ich glaube“ und „irgendwie“, Zögerlauten und Verstärkern wie „sehr, sehr“, einmal ohne. Die Fassung ohne diese Merkmale wirkte glaubwürdiger, und zwar bei Zeugen beider Geschlechter.

Es kommt außerdem darauf an, wo der Weichmacher sitzt. Amanda Durik und Kollegen fanden 2008: Ein Weichmacher an einer Datenaussage („Die Zahlen zeigen vielleicht …“) verschlechterte das Urteil über Vorschlag, Quelle und Argument. Umgangssprachliche Weichmacher wie „ich glaube, irgendwie“ schadeten auch bei der eigenen Deutung. Fachlich präzise Einschränkungen wie „das spricht dafür, dass“ schadeten dort nicht.

Vorher

„Also, ich finde jetzt irgendwie, dass das Logo eigentlich so ein bisschen zu klein ist, glaube ich.“

Nachher

„Das Logo ist zu klein, zumindest auf dem Handy.“

Der Nachher-Satz ist nicht unhöflicher. Er hat genau eine Einschränkung, und die ist echt.

Die stille Pause statt „äh“: so geht es konkret

Der Kern jeder Methode gegen Zögerlaute ist derselbe: Du ersetzt das Geräusch durch Stille. Klingt simpel, scheitert aber oft an einem Gefühl. Wer spricht, erlebt Stille viel länger und peinlicher, als sie für den Zuhörer ist. Das „ähm“ ist dann ein Reflex gegen dieses Gefühl, nicht gegen ein echtes Problem.

So funktioniert der Griff im Moment selbst:

  1. Du spürst, dass ein „äh“ kommt. Meist am Satzanfang, an Übergängen oder direkt vor einem wichtigen Wort.
  2. Mund zu.
  3. Kurz durch die Nase einatmen.
  4. Weitersprechen, mit dem nächsten vollständigen Satzteil.

Das fühlt sich für dich wie eine Ewigkeit an. Für dein Gegenüber ist es eine Sekunde, die nach Nachdenken klingt.

Vorher

„Ähm, also, ähm, ich glaube, wir sollten, äh, den Termin verschieben.“

Nachher

„Wir sollten (Pause) den Termin verschieben.“

Ein häufiger Fehler: die Pause mit angehaltenem Atem und starrem Blick. Das wirkt blockiert statt souverän. Die gute Pause ist entspannt, mit Luft holen und Blick zum Gegenüber.

Planung schlägt Selbstkontrolle

Weil Füllwörter mit der Planungslast steigen, hilft Vorbereitung oft mehr als Selbstkontrolle beim Sprechen. Wer seinen ersten Satz kennt, braucht vor ihm kein „ähm“.

Die meisten Zögerlaute sitzen an Übergängen: wenn der nächste Gedanke noch nicht geladen ist. Plane deshalb nicht den ganzen Text, sondern nur die Einstiege. In einer Präsentation heißt das: Für jeden Abschnitt kennst du den ersten Satz, etwa „Zweiter Punkt: die Kosten.“ Mehr dazu, wie du einen Vortrag so gliederst, findest du im Ratgeber Besser präsentieren.

Im Bewerbungsgespräch funktioniert das genauso. Die Frage nach deinen Stärken oder deinem Wechselgrund kommt fast sicher. Wenn dein erster Satz steht, entfällt das Suchen genau dort, wo es am meisten auffällt. Wie du dich auf die typischen Fragen vorbereitest, steht unter Vorstellungsgespräch souverän meistern.

Vorher

„Äh, das müsste ich, ähm, nachschauen.“

Nachher

„Das schaue ich nach (Pause) und schicke es dir bis heute Abend.“

Der zweite Satz ist nicht länger, aber er klingt nach Plan statt nach Ertapptsein.

Und noch etwas verstärkt Füllwörter: Aufregung. Wer nervös ist, plant schlechter und füllt mehr. Wenn deine Füllwörter vor allem bei Vorträgen explodieren, lohnt sich ein Blick auf Lampenfieber überwinden.

Die häufigsten Fehler beim Abgewöhnen

Füllwort tauschen statt streichen. Viele gewöhnen sich „ähm“ ab und sagen dann „also“, „sozusagen“, „quasi“ oder „genau“. Das ist dasselbe Signal im neuen Kostüm. Die Lösung ist kein anderes Geräusch, sondern keins.

Null als Ziel. Wer gar kein Füllwort mehr zulässt, landet bei einer steifen, auswendig gelernten Sprechweise. Die wirkt künstlicher als ein gelegentliches „äh“.

Nur beim Sprechen kontrollieren. Wer während des Redens ständig auf sich selbst achtet, hat weniger Kapazität für den Inhalt. Die Folge: mehr Suchen, mehr Füllwörter. Die Arbeit gehört in die Übung und in die Vorbereitung, nicht in den Ernstfall.

Weichmacher ganz verbannen. Eine echte Einschränkung ist ehrlich. „Das klappt, wenn das Budget bleibt“ ist präzise. Erst fünf Weichmacher in einem Satz klingen nach Rückzug.

Dein Wochenplan gegen Füllwörter

Eine Woche reicht, um das Muster sichtbar zu machen und die ersten Stellen zu knacken. Danach ist es Wiederholung im Alltag.

Das Zählen per Hand ist mühsam. In Redestark übernimmt das der Stimmtest: Er markiert Füllwörter rot und Abschwächer blau, die Aufnahme wird direkt auf dem iPhone ausgewertet. Mehr zur App findest du auf der Startseite.

Häufige Fragen

Wie gewöhne ich mir Füllwörter am schnellsten ab?

Ersetze jedes gespürte „äh“ durch eine kurze stille Pause: Mund zu, einatmen, weitersprechen. Ergänze das mit Planung, indem du die ersten Worte jedes Gedankens vorher festlegst, denn Füllwörter steigen mit der Planungslast. Miss deinen Stand mit einer Aufnahme vorher und nachher.

Warum sage ich so oft „äh“?

Weil dein Kopf den nächsten Gedanken noch nicht fertig hat und der Laut ankündigt, dass du gleich weitersprichst. Je schwieriger das Thema und je größer die Aufregung, desto häufiger kommt er. Es ist eine Gewohnheit, keine fehlende Begabung.

Sind Füllwörter immer schlecht?

Nein. Ein einzelnes „äh“ stört kaum und kann dem Zuhörer sogar signalisieren, dass gleich etwas kommt. Viele Füllwörter lassen dich aber unsicherer wirken. In einer Studie mit deutschen Managern fielen kurze „ähs“ den Hörern deutlich weniger auf als lange.

Welche Füllwörter sollte man im Vorstellungsgespräch vermeiden?

Vor allem Weichmacher an deinen Kernaussagen: „eigentlich“, „irgendwie“, „ich glaube“, „so ein bisschen“. Sie lassen eine Aussage weniger glaubwürdig wirken. Bereite die ersten Sätze zu typischen Fragen vor, dann entfallen auch die meisten „ähms“.

Was mache ich, wenn ich „also“ statt „ähm“ sage?

Dann hast du das Füllwort nur getauscht. Behandle „also“, „quasi“ und „genau“ genauso wie „ähm“: bemerken, Pause machen, mit dem Inhalt einsteigen.

Quellen

  1. Bortfeld, H., Leon, S. D., Bloom, J. E., Schober, M. F., & Brennan, S. E. (2001). Disfluency rates in conversation: Effects of age, relationship, topic, role, and gender. Language and Speech, 44(2), 123 bis 147. https://doi.org/10.1177/00238309010440020101
  2. Brennan, S. E., & Williams, M. (1995). The feeling of another's knowing: Prosody and filled pauses as cues to listeners about the metacognitive states of speakers. Journal of Memory and Language, 34(3), 383 bis 398. https://doi.org/10.1006/jmla.1995.1017
  3. Clark, H. H., & Fox Tree, J. E. (2002). Using uh and um in spontaneous speaking. Cognition, 84(1), 73 bis 111. https://doi.org/10.1016/S0010-0277(02)00017-3
  4. Durik, A. M., Britt, M. A., Reynolds, R., & Storey, J. (2008). The effects of hedges in persuasive arguments. Journal of Language and Social Psychology, 27(3), 217 bis 234. https://doi.org/10.1177/0261927X08317947
  5. Erickson, B., Lind, E. A., Johnson, B. C., & O'Barr, W. M. (1978). Speech style and impression formation in a court setting: The effects of „powerful“ and „powerless“ speech. Journal of Experimental Social Psychology, 14(3), 266 bis 279. https://doi.org/10.1016/0022-1031(78)90015-X
  6. Fox Tree, J. E. (2001). Listeners' uses of um and uh in speech comprehension. Memory & Cognition, 29(2), 320 bis 326. https://doi.org/10.3758/BF03194926
  7. Niebuhr, O., & Fischer, K. (2019). Do not hesitate! Unless you do it shortly or nasally: How the phonetics of filled pauses determine their subjective frequency and perceived speaker performance. Proceedings of Interspeech 2019, 544 bis 548. https://doi.org/10.21437/Interspeech.2019-1194

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